Schloss Miltach
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Florian Holzherr

Zwei Welten

Ausstellung ab 15. Juli 2023 – 30. April 2024

SHAKER

 Der Wirklichkeits- und Wahrheitsgehalt von Bildern wird nicht nur durch Absicht im Abbild, sondern zu allererst durch seine mediale Umsetzung geprägt. Jeder Fotografie liegt ein gewünschter Zusammenhang im Machen, als auch im Wahrnehmen zugrunde. Worin liegt das Interesse an einer zölibatären Religionsgemeinschaft für einen  Fotografen, und wie kommt eine Auswahl von Gebäuden aus dem 18. und 19. Jahrhundert zustande? Die ausgestorbene Religionsgemeinschaft der Shaker, nahm Mitte des 18.Jahrhunderts ihren Ursprung in Europa und konnte durch geschickte Fusion mit den Baptisten sehr rasch die Zahl der Ordensmitglieder erhöhen. Der Bedarf an Wohn- und Wirtschaftsgebäuden wuchs und wurde regional abgestimmt entwickelt. Natürlich spezialisierten sich einzelne Mitglieder aufgrund ihrer Fähigkeiten und gaben dem gesamten Vorhaben die Präzision, die wir heute in allen handwerklichen Berufen so vermissen. Formfindung und Funktion treffen sich im puristischen Verständnis der Zeit und des Glaubens und spiegeln so den Umbruch. Man merkt sehr schnell, dass sich freie und befreite Gesellschaftsschichten mit ähnlichen Themen beschäftigen. Das Besondere und der große Erfolg dieser Gemeinschaft liegt vor allem in der Anwendung aufklärerischer Ideale und spiegelt sich in der gleichberechtigten Aufnahme beider Geschlechter, sowie der Zulassung farbiger Schwestern und Brüder. Obwohl sie zeitweise über riesige Ländereien verfügten, konnte der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft in den rasch wachsenden Städten durch die Industrialisierung, den Nachwuchs nicht mehr decken – ihr Untergang begann. So stellen wir auch heute die Frage warum die Städte im Aufbau so starken Zuwachs brauchen und im Umgang mit diesem, aus sich heraus nicht mehr bewältigen? 

STEILWANDFAHRER – Cpt. Donald, Peter Petersen, San Clemens, Danny Varanne

In unserem Ausstellungsprojekt haben wir das grundsätzliche Interesse an gesellschaftlichen Veränderungen, dem Versuch nach dem Habhaftwerden verschwindender Strukturen, Räumen, Architekturen, exemplarisch an einer funktionalen temporären Architektur, der Steilwand, frei von sentimentaler Betrachtung, in einer kleinen Auswahl intensiver Bilder zur Diskussion gestellt. Sowie den Akteuren in der selbst gewählten Körperbeschreibung/Tätowierung das Erlebte abgelesen werden kann, wird dem fliegenden Bau, sein Entstehungszeitraum in den Zwanziger Jahren angesehen. Diesen schützt einzig nur noch der Bestandsschutz und die Sensation hat längst schon historischen Charakter. Allgemein betrachtet geht es bei den Fotoarbeiten von Florian Holzherr selbstverständlich um Architektur, aber Architektur ist in ihrer Funktion und Verortung auch Abbild einer Gesellschaft die miteinander lebt, arbeitet und sich nach außen vermittelt, besonders mit dem Anspruch auf Wahrnehmung. Es geht aber auch um Zeichen, Codes deren Erfahrung nur mehr wenige durchleben, weil wir immer stärker diszipliniert werden und die Wildheit evolutionärer Ungebundenheit in den westlichen Gesellschaften weggemendelt wurde und die raue Natur nur noch mit den monetären Ersatzwaffen ausgetragen wird. Es ist wie eine Reise in die Frühzeit, der die Gefährlichkeit nicht nur angesehen, sondern eingeschrieben ist. Florian Holzherr zeigt uns wie weit reichend gesellschaftliches Zusammentreffen von unvereinbar scheinenden Gesellschaftsgruppen in unseren Denkmustern verankert ist und wie Kanten und Ecken nur noch Grundlage für algorithmische Detektierung sind. Es liegt also in der Natur der Verknüpfungen, dass Präzision und Interpretation Eigenschaften vorgeben, die allen Tätigkeiten eingeschrieben sind, sofern individuelle Höchstleistung angestrebt wird. So ist das Verständnis von Disziplin und Kontinuität die gemeinsame Ebene, in all ihren Entwicklungsschritten, die, die scheinbar so unterschiedlichen Weltbilder zusammenfügt und in der Absicht gleichmacht. 

Florian Holzherr 1970 in München geboren, Ausbildung zum Fotografen an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München. Zahlreiche Projekte mit Künstlern und Architekten und Untersuchungen zum Verlust durch gesellschaftliche Veränderung. Universitätslektor an der Technischen Universität Wien und Lehraufträge an Hochschulen im In- und Ausland. 2012 Biennaleteilnehmer in Venedig Bereich Architektur im Israelischen Pavillon. Jurytätigkeit und Mitglied der Auswahlkommission für Kunst im Öffentlichen Raum, QUIVID. 

Text: Dietmar Tanterl